Die Göttin Ishtar

Ishtar oder Inanna werden oft in einem Atemzug genannt und als identisch angesehen. Tatsächlich war es wohl so, daß sie zunächst nebeneinander existierten, Ishtar als babylonisch-assyrische Mondgöttin und Fruchtbarkeitsgöttin und Innana als sumerische Göttin. Ishtar wurde von babylonischen Stämmen nach Sumer eingeführt und assimilierte mit der dort ansässigen Inanna. Die Mythen Inannas wurden auf Ishtar übertragen. Ishtar war zunächst auch Göttin der Hebräer und ist dort unter dem Namen Astarte bekannt. Es gab wohl eine sehr lange Übergangsphase, in der das Volk Israel sich noch nicht vollständig dem Monotheismus verschrieben hatte und Ishtar (Astarte) eine gleichrangige Position neben Jahweh einnahm. Dem Buch Könige ist zu entnehmen, daß König Salomon der Göttin Astarte diente. Den Priestern des Tempels Salomos waren die sogenannten Tempelhuren, die als Prostituierte tätigen Priesterinnen, die durch ihren Dienst zum Unterhalt des Ishtar-Tempels beitrugen, ein Dorn im Auge. Für sie war weibliche Sexualität zwingend mit dem Gebären von Nachwuchs verbunden und nur dadurch legitimiert. Auch im Alten Textament werden Huren erwähnt und oft war es Frauen nur möglich, sich über den Umweg als Hure ihr Recht zu verschaffen.

Von Ishtar leitet sich der Name Esther ab. Die biblische Esther heißt zunächst Hadassa, nennt sich aber Esther, um ihre Herkunft nicht preiszugeben und ihre Religion nicht zu offenbaren. Esther verschafft sich ihr Recht, indem sie Boas betrunken macht und sich von ihm schwängern läßt. Dadurch, daß sie ihm den Sohn Isai, den Vater des Königs David, gebiert, verschafft sie sich ihr Recht und legitimiert ihre Handlungsweise.

Ishtar ist die Tochter des Mondgottes und die Schwester des Sonnengottes. Sie selbst ist die Himmelskönigin, eine Bezeichnung, die später auf Maria übertragen wurde, ist aber als solche weder dem Tag noch der Nacht zuzuordnen. Sie repräsentiert die Zwischenbereiche, die Dämmerung. Am Himmel erscheint sie als Abend- bzw. Morgenstern und leitet damit die Nacht bzw. den Tag ein. Inhaltlich steht sie in diesem Zusammenhang für die nicht fassbaren Bereiche, Übergänge und Grenzbereiche im menschlichen Bewußtsein, aber auch für Kreativität. Ihre Mutter ist die Mondgöttin Ningal. Als Schwester wird die Göttin Ereshkigal genannt, die aber im Grunde ihre Großmutter sein müßte, da sie die Mutter des Mondgottes Nanna bzw. Sin ist.

Sie residiert in der Zeit des Neumondes am Himmel, gewährt den Göttern Audienzen und hört sich deren Anliegen an, feiert, richtet, denn sie ist auch Richterin und verhängt Schicksale. Ihr Emblem als Himmelsgöttin ist der achtzackige Stern, sie wird dargestellt stehend auf der Mondsichel, wie später auch Maria. Als Himmelsgöttin ist sie auch zuständig für das Wetter, den Regen und die Stürme.

Es ist interessant, daß in der Schöpfungsgeschichte die Rolle des Abend- und Morgensterns auf Luzifer übertragen wurde. Bei dem Kanaanitern hieß der Morgenstern Sahar und sein Zwilligsbruder Shalim war der Abendstern (daher abgeleitet Shalom, Salaam). Sie spielen eine vergleichbare Rolle wie Castor und Pollux, Apollo und Aphrodite.

Da die Mondgottheiten auch als Stadtgottheiten von Ur verehrt wurden, ist Ishtar als deren Tochter Stadtgöttin von Uruk.

Als Oberweltgöttin ist sie eine überaus kraftvolle Göttin. Im Grunde gibt es keine Göttin, die eine solche Facette von Aspekten umfaßt wie sie. Einzelne Eigenschaften wurden später - als männliche Gottheiten die Oberhand bekamen - auf andere Göttinnen übertragen. Aber diese Macht und Kompetenz konnte auch von den männlichen Gottheiten nicht erreicht werden.
 

Die bekanntesten Mythen

 

Die Erlangung der Me-Kräfte

Ort des Geschehens ist der Abzu, ein heiliger Ort mit einem heiligen Schrein. Enki, der Gott der Weisheit und Allwissenheit, sieht voraus, daß Inannna diesen Ort aufsuchen wird. Er gibt seinem Diener Anweisungen, Inanna bei ihrem Eintreffen an den heiligen Tisch zu bitten, sie zu bewirten und wie eine ihm (Enki) Gleichrangige zu behandeln. Isimud, der Diener Enkis, handelt entsprechend den Anweisungen. Enki begrüßt Inanna, gesellt sich zu ihr und sie trinken zusammen eine Menge Bier. Im Verlauf des Gelages und in nicht mehr nüchternem Zustand verspricht Enki Inanna, ihr die Me-Kräfte zu übereignen. Die Me-Kräfte sind starke Kräfte von unterschiedlichem und vielfältigem Inhalt. Inanna ist begeistert von der Idee, über die Me-Kräfte verfügen zu können und lädt sie eilig auf ihr Himmelsboot. Enki ist zwar stark alkoholisiert, nimmt aber Inannas Tun wahr. Er gibt seinem Diener sogar Anweisungen Inanna behilflich zu sein, damit sie ihre Stadt sicher erreichen kann. Als Enki wieder nüchtern ist, bemerkt er das Verschwinden der Me's. Sein Diener berichtet ihm, daß er die Me's an Inanna übergeben hat. Enki gibt daraufhin Anweisung an Isimud, die Me's zurückzuholen. Er gibt Isimud seine Dämonen, die wild-behaarten enkum-Geschöpfe, mit, um das Himmelsboot nach Eridu zurück zu bringen. Inanna widersetzt sich dem Versuch Isimuds, die Me's an sich zu bringen. Sie bezichtigt Enki des Betruges. Die enkum-Geschöpfe ergreifen schon das Boot, als Ninschubur mit ihrer Hand die Luft zerschneidet, einen erderschütternden Schrei ausstößt und so die enkum-Geschöpfe in die Flucht schlägt. Ein zweites Mal versucht Enki, die Me's wieder an sich zu bringen. Dieses Mal begleiten fünzig fliegende uru-Giganten Isimud und ergreifen das Boot, und wieder ist es Ninschubur, die die Dämonen verscheucht. Enki startet insgesamt sieben Versuche, die Me's zurückzubekommen und jedesmal gelingt es Ninschubur, die Fracht zu retten. Als sie in Uruk am Weißen Kai ankommen, werden die Me's ausgeladen und dem Volk verkündet. Daraufhin verkündet Enki, daß die Me's im heiligen Schrein von Uruk verbleiben sollen.

Inanna kämpft um ihr Recht und behauptet sich. Sie ergreift die Macht, die ihr dargeboten wird und läßt sie sich nicht mehr nehmen. So erweist sie sich ihrer würdig. Dies ist auch notwendig, denn immerhin gehören zu den Me's auch der Niedergang in die Unterwelt und die Rückkehr von dort.

Der Hinabstieg in die Unterwelt

Es gibt unterschiedliche Darstellungen dieses Mythos, allerdings ist die Kernhandlung in allen Schilderungen übereinstimmend. Ishtar/Inanna beschließt, ihre Schwester Ereshkigal in der Unterwelt zu besuchen. Sie nimmt die sieben Me's und bereitet sich sorgfältig vor, legt ihre kostbarsten Gewänder an, frisiert und schminkt sich, legt sämtliche Insignien ihrer Macht und Königinnenwürde an. Sie nimmt Ninschubur mit und gibt ihr genaue Anweisungen, was diese tun soll für den Fall, daß sie nicht zurückkehren sollte. Dann weist sie Ninschubur an, sie zu verlassen. Schließlich steht sie vor dem Tor zur Unterwelt und begehrt Einlaß. Neti, der Torwächter fragt, was sie dazu veranlaßt, in das Reich einzukehren, aus dem es keine Wiederkehr gibt. Sie antwortet, sie wolle an den Bestattungsriten für Gugalanna, dem Himmelsstier, ihrem Schwager, teilnehmen. Neti muß Rücksprache mit seiner Herrin Ereshkigal nehmen. Er berichtet seiner Herrin von Inannas Begehren. Ereshkigal weist ihren Torwächster an, sämtliche sieben Tore zu verschließen. Dann soll er nach und nach jedes Tor einen Spalt breit öffnen und Inanna nach und nach ihrer Kleidung und der Zeichen ihrer Macht berauben, bis sie schließlich völlig nackt ist. So geschieht es dann auch. Jedesmal fragt Inanna, warum dies geschieht, und jedesmal erhält sie die Antwort, das alles so seine Ordnung habe und nicht in Frage gestellt werden dürfe. Als sie schließlich nackt und tief gebeugt in den Thronsaal hineinkommt, wird sie von den Richtern der Unterwelt verurteilt. Ereschkigal heftet die Augen des Todes auf Inanna und schleudert ihr die Schreie der Anklage ins Gesicht. Sie schlägt sie nieder, bis sie tot ist und hängt ihren Leichnam an einem Haken an der Wand auf. (Eine andere Version ist die, daß sie an einem Pfahl aufgehängt wird.) Nach drei Tagen und drei Nächten ist Inanna immer noch nicht aus der Unterwelt zurückgekehrt und Ninschubur führt die Anweisungen aus, die sie erhalten hat. Sie sucht Enlil auf und Nanna, und beide verweigern ihre Hilfe. Erst Enki ist bereit zu helfen. Er ist bestürzt und grämt sich, denn alles Leben kommt zum Erliegen. Er formt daher zwei Geschöpfe, die weder männlich noch weiblich sind, die aber auch jenseits von Leben und Tod stehen. Er gibt diesen Wesen die Speise des Lebens und das Wasser des Lebens mit und er befiehlt ihnen, zur Tür der Unterwelt hineinzuhuschen wie Fliegen und dann Ereshkigal in ihrem Schmerz beizustehen. Ereshkigal ist ergriffen von dem Mitgefühl der beiden Wesen und bietet ihnen Geschenke an. Aber sie lehnen ihre Geschenke ab und erbitten den Leichnam Inannas. Als er ihnen übergeben wird, besprengen sie den Leichnam mit der Speise des Lebens und dem Wasser des Lebens. Inanna wird zum Leben erweckt und kann die Unterwelt verlassen. An jedem der Tore erhält sie ihre Kleider und die Abzeichen ihrer Macht zurück. Aber die Galla, die Dämonen der Unterwelt heften sich an ihre Fersen und folgen ihr. Niemand steigt ungezeichnet aus der Unterwelt hervor. Sie fordern, daß Inanna Ersatz leistet. Sie weigert sich, Ninschubur zu opfern oder einen ihrer Söhne. Schließlich erklärt sie sich damit einverstanden, auf Dumuzi, ihren Ehemann zu verzichten. Dumuzi kann sich zunächst verstecken, aber die Galla finden ihn schließlich und nehmen ihn mit sich in die Unterwelt. Geschtinanna, seine Schwester, bietet sich an, die Hälfte des Jahres anstelle von Dumuzi in der Unterwelt zu verweilen.

Auf diese Weise werden Leben und Tod miteinander verwoben und durchdringen sich gegenseitig. Durch Inannas Tod kam jegliches Leben auf der Erde zum Stillstand und auch der Tod machte keinen Sinn mehr. Durch ihre Wiederkehr auf die Erde kann das Leben neu beginnen und erhält eine neue Ordnung. Der Jahreskreislauf entsteht mit seiner Wiederkehr von Leben und Tod, Aktivität und Ruhe.

Ishtar und Gilgamesh

Gilgamesh, halb Mensch, halb Gott, Sohn einer Göttin, ist König von Uruk. Er ist ein Gewaltherrscher, der rücksichtlos regiert. Unter anderem nimmt er das ius prima noctis für sich in Anspruch. Gilgamesh wird als schön und gut gebaut beschrieben. Er ist verwegen und scheut das Abenteuer nicht. Ishtar, die ihn sieht, findet Gefallen an ihm. Sie bietet ihm an, seine Geliebte zu werden. Gilgamesh zählt auf, wieviele Liebhaber sie schon hatte. Er schmäht sie, beleidigt sie, schlägt ihr vor, sich an die Straße zu setzen, da würde sich schon jemand einfinden, der sie als Geliebte will.

Ishtar ist erzürnt über die Schmähungen. Sie wendet sich an Anu, ihren Vater. Sie wendet sich an Antum, ihre Mutter. Sie findet bei Anu wenig Verständnis. Er wirft ihr vor, sie selbst habe Gilgamesh gereizt. Ishtar erbittet von Anu den Himmelsstier, damit dieser Gilgamesh töte. Sie droht damit, falls er ihr den Stier nicht gibt, die Türen zur Unterwelt einzuschlagen, damit die Toten auferstehen und über die Lebenden herfallen. Anu rechnet ihr vor, der Einsatz des Stieres sei teuer, da er sehr viel Korn verbrauche. Das bedeutet für Uruk, sieben Spreujahre, da der Stier alles Korn verbrauchen werde. Ishtar sichert zu, viel Gras wachsen zu lassen für das Tier und für die Menschen Korn zu sammeln. Sie erhält daraufhin den Stier und führt ihn hinab zur Erde. Der Stier schnaubt dreimal. Beim ersten Schnauben entsteht eine Grube und es fallen einhundert Männer von Uruk hinein. Beim zweiten Schnauben entsteht eine weitere Grube und es fallen zweihundert Männer von Uruk hinein. Beim dritten Schnauben des Himmelstiers entsteht eine dritte Grube, in die Enkidu, ein Tierwesen, Sohn einer Gazelle und eines Wildesels, und ein guter Freund Gilgameshs - er wird auch als sein Bruder bezeichnet, - hineinfällt. Enkidu steigt aus der Grube heraus, packt den Stier bei den Hörnern und Gilgamesh tötet das Tier mit dem Schwert. Nachdem sie den Stier ausgeweidet haben, legen sie ihn vor Shamash, den Sonnengott, nieder. Ishtar stößt daraufhin ein Wehgeschrei aus. Dafür wird sie von Enkidu wüst beschimpft. Während Ishtar den Tod des Himmelstiers beklagt, richtet Gilgamesh in seinem Palast ein Fest aus und rühmt sich selbst für die vollbrachte Tat.

Auf Geheiß von Enlil soll Enkidu sterben, Gilgamesh hingegen soll am Leben bleiben. Enkidu klagt Shamash sein Leid. Er fühlt sich ungerecht behandelt. Shamash ist entsetzt, als er Enkidus Verwünschungen hört. Er versucht ihn, zur Vernunft zu bringen, damit er sich mäßigt. Enkidu leidet tagelang. Nach zwölf Tagen besucht Gilgamesh Enkidu und findet ihn tot vor. Er trauert um ihn, läßt ein Bildnis anfertigen. Danach findet Gilgamesh keine Ruhe mehr, irrt umher, klagt sein Leid. Schließlich trifft er auf Utnapishtim, dem Überlebenden der Sintflut, der ihm berichtet, wie er mit seiner Familie die Flut überlebt hat und von den Göttern die Gnade der Unsterblichkeit erhielt. Er erfährt von Utnapishtim, wo er das Kraut der ewigen Jugend finden kann. Gilgamesh findet das Kraut auch, aber in einem Moment der Unachtsamkeit entwendet eine Schlange (die Göttin?) das Kraut und frißt es auf. Am Ende der Geschichte steht Gilgamesh wieder vor den Toren von Uruk.

Ishtar - der Jungfrauaspekt

Ishtar ist die Herrin des Krieges und der Liebe - beides eindeutig Marseigenschaften. Sie ist unabhängig in ihren Entscheidungen und ihrer Art zu leben. Krieg bedeutet für sie auch, an Grenzen zu gehen, diese zu überschreiten. Es ist eher der männliche Initiationsweg, im Krieg das Zusammenwirken von Leben und Tod zu erfahren. Sich der Herausforderung, dem Risiko zu stellen. Bekannt sind sonst noch die Amazonen als unabhängiges und kriegerisches Frauenvolk. Diese leben in einer speziellen Gemeinschaft. Ishtar wäre denkbar in einer solchen Gemeinschaft, hätte vielleicht Lust zu einem solch freien, unabhängigem Leben. Aber sie ist ein Solitärgewächs in einer Hetero-Welt, das sich nicht unterordnen würde. Ihr gebührt die Rolle an der Spitze, denn sie ist Anführerin, nicht Gleiche oder Ebenbürtige.

In dem Hymnischen Gebet Enheduannas, der Hohepriesterin des Mondgottes Nanna, heißt es unter anderem:

"Meine Königin, die Fremdländer gehen in Deckung vor deinem Schrei,

in Furcht und Schrecken vor dem Südwind,

Brachten die Menschen ihr ängstliches Rufen vor dich,

Brachten ihren ängstlichen Aufschrei vor dein Angesicht,

Schütteten dir ihr Herz aus mit Klagen und Weinen,

Brachten die >>großen<< Wehklagen aus der Städte Straßen vor dein Angesicht.

In der Schlachten Vorhut wurde alles und jedes von dir niedergestreckt,

Meine Königin, allverschlingend bist du in deiner Macht,

Du wurdest nicht müde, anzugreifen wie ein angreifender Sturm

Und dabei (lauter) zu blasen als der heulende Sturm,

(Lauter) zu donnern als Ischkur,

Und (lauter) zu stöhnen als die üblen Winde,

Deine Füße ermatteten nicht,

Du warst schuld an den Klageliedern, die auf der Lyra der Wehklage angestimmt wurden."

Auch wenn Ishtar/Innana schön und verführerisch beschrieben wird, sie ist kein Weibchen. Sie ist durch und durch mit Macht ausgestattet und auch mit Gewalt, was auch in einem Inanna-Lied zum Ausdruck gebracht wird:" Herrin, von Ningal jubelnd zur Freude geboren, gleich einem Drachen ist dir Zerstörungs(kraft) gegeben." In der Blütezeit ihrer Kultur wird ihr Respekt gezollt, was sich später allmählich ändert, als männliche Kräfte die Macht ergreifen und die Göttin zuletzt vom Sockel gestürzt wird. Ursprünglich ist sie keine liebliche Göttin, zu der dann später Venus wird.

Ishtar wahrt ihren Vorteil, auch wenn Risiken damit verbunden sind. Sie geht mit Enki eine Wette ein, die ihr schließlich die 14 Me's des Weisheitsgottes Enki einbringt, da sie es schafft, ihn beim Biertrinken regelrecht unter den Tisch zu saufen. Enki, der ihr seine Dämonen hinterherschickt, läßt am Ende von der Absicht ab, ihr die Me's wieder zu entreißen. Nicht umsonst ist er der Gott der Weisheit. Er sieht die Notwendigkeit, die Me's an Inanna abzugeben, denn nur sie ist in der Lage, in die Unterwelt hinabzusteigen. Er ist es schließlich auch, der ihre Befreiung in die Wege leitet, als alle anderen Gottheiten dies ablehnen. Zu den Me's gehört nicht nur die Aufgabe, in die Unterwelt hinabzusteigen, sondern auch die Wiederkehr ins irdische Leben. Enki sieht in Inanna nicht die begehrenswerte Frau, jedenfalls nicht die Frau, die er begehrt, auch ist sie für ihn nicht Widersacherin, aber er erkennt schließlich an, daß er sie unterschätzt hat und erkennt ihren Rang an. Sie in der Unterwelt zu belassen, kommt für ihn nicht in Betracht, der er weiß, daß niemand Inanna ersetzen kann. Ohne sie geht nichts mehr, auch die Götter haben dann nicht mehr die Wertigkeit, die ihnen zukommt. So ist es auch zu verstehen, daß Enki für seine Hilfeleistung nichts einfordert.

Interessant ist das sehr enge Verhältnis von Inanna und Ninschubur, ihrer Dienerin, die ja auch einen sehr hohen Rang als Priesterin einnimmt. Es ist kein Liebesverhältnis, aber ein Verhältnis, daß auf absolutem Vertrauen basiert. Ninschubur ist die einzige Person, auf die sie sich bedingungslos verlassen kann. Es ist mehr als verständlich, daß sie eher bereit ist, ihren Ehemann zu opfern als Ninschubur, denn Ninschubur ist nicht zu ersetzen.

Ishtar - die Muttergöttin

Sie ist eine Fruchtbarkeitsgöttin und ursprünglich ist sie auch für die Getreidevorräte und den Viehbestand zuständig. Darüber hinaus steht sie für die Fruchtbarkeit schlechthin. Sie ist eine lebenslustige vitale Göttin, die alle Möglichkeiten ausschöpft, das Leben sozusagen in vollen Zügen genießt.

Liebe, Sexualität, Fruchtbarkeit sind marsianisch handfest bei ihr. Sie ist nicht poetisch, hingebungsvoll, sie ist fordernd. Ishtar nimmt sich, was sie will. Sie ist Göttin und Königin und fordert ihr Recht. Es ist sinnlos, sich ihr zu widersetzen. Und sie bindet sich nicht. Obgleich sie Dumuzi-Tammuz heiratet, ist diese Heirat für sie keine Bindung mit Ausschließlichkeitsanspruch. Sie heiratet den Hirten, weil sie den Bauern, der ihr vorschwebt, nicht bekommen kann. Der Hirte ist willens, sie zu ehelichen, und daher besser als gar kein Mann. Schließlich findet sie auch Gefallen an ihm. Der Sex mit ihm gefällt ihr. Dennoch ist es nicht so, daß sie sich für ihn opfern würde. Im Gegenteil, bevor sie wieder zurückgeht in die Unterwelt, schlägt sie vor, man solle Dumuzi mitnehmen. Für ihn opfert sich schließlich seine Schwester, die eine Jahreshälfte in der Unterwelt verbleibt, damit er in dieser Zeit auf Erden zubringen kann. Niemand wagt es, an ihrem Handeln Kritik zu üben, denn ihre Anwesenheit garantiert den Lauf des Lebens. Außerdem macht es Sinn, daß Dumuzi die Hälfte des Jahres in der Unterwelt zubringt. Dadurch wird der Jahreskreislauf geschaffen. Es tritt eine Ruhephase ein, in der die Natur sich regenerieren kann.

Ishtar/Innana, die ihren Ehemann so leichtherzig opfert, bringt es dennoch fertig, herzzerreißend um ihn zu trauern, denn auch für sie bringt seine Abwesenheit großen Verzicht mit sich. Wer liebt sie nun? Wer erfreut ihren Körper? Ishtars Liebe ist lustvoll. Sie genießt den Mann. Sie schaut Männer an und sieht in ihnen Objekte ihrer Begierde. Das heißt nicht, daß sie willenlos sein sollen, daß sie Gegenstand ihres Handelns sein sollen. Im Gegenteil, sie müssen große Anstrengungen vollbringen, damit sie zufrieden gestellt ist. Wenn ihr Auge auf einen potentiellen Liebhaber gerichtet ist, ist Widerstand zwecklos. Jeder Mann, der es mit ihr zu tun bekommt, hat seine Rolle zu spielen. Er ist nicht lediglich eine spontane Laune der Göttin, keine Affäre, keine Liebelei, keine Schwärmerei. Sie spinnt und webt wie andere Göttinnen auch und setzt die Männer schicksalhaft ein. Jede Figur, die sie benutzt, bringt Dinge ins Rollen und schafft eine neue Ordnung der Dinge.

Auch als Ehefrau bleibt sie unabhängig, ist sozusagen eine verheiratete Junggesellin, und bestimmt ihr Handeln und Denken selbst. Kein Mann könnte sie unterjochen oder in irgendwelche Schranken weisen. Es gibt keinen Mann, der ihr ebenbürtig wäre, den keine andere Gottheit ist mit derart umfassender Macht ausgestattet wie sie. So sind Männer, die ihr Leben mit ihr teilen, eher Lebens-Abschnitts-Gefährten. Sie liebt sie leidenschaftlich und voller Gefühl, aber wenn ihre Zeit vorbei ist, findet sie auch andere Männer, an denen ihre Leidenschaft sich entfacht.

Sie ist eine stark sexuell ausgerichtete Persönlichkeit. Ihre Sexualität ist Ausdruck von Lebensfreude und Stärke und ist nicht vorrangig auf Erzeugung von Nachkommenschaft gerichtet. Sie ist Mutter und sorgt für ihre Kinder, aber sie ist nicht mütterlich im uns bekannten Sinne. Sie ist durch und durch Frau. Sie ist eine wilde Frau, ausgestattet mit ursprünglichen weiblichen Kräften. Die Hebräer verstehen diese fordernde ausgelebte Sinnlichkeit nicht, empfinden sie nicht als angemessen für eine Frau und schon gar nicht für eine Gottheit. Es entstehen die Begriffe "Die große Hure Babylon" und "Sündenbabel". Für Ishtar liegt aber die Kraft in der Sexualität und nicht die Sündhaftigkeit. Ihre Sexualität ist ausgeprägt lüstern und zügellos, sie genießt sie, nährt sich von ihr.

Ein wesentlicher Mutteraspekt kommt dennoch in ihrem Abstieg in die Unterwelt zum Ausdruck. Das Verweben und Durchdringen von Leben und Tod manifestiert sich vor allem in der Phase der Schwangerschaft. Auch hier macht sich die Frau auf den Weg in die Unterwelt, geht dem neu inkarnierten Leben, das aus der Welt des Todes kommt, ein Stück entgegen. Während der Schwangerschaft korrespondieren beide Welten miteinander. Die Frau erlebt in dieser Zeit ihre eigene Unterwelt, die Höhle, in der neues Leben heranreifen kann. Während dieser Zeit ist der Tod als ständiger Begleiter anwesend. Persephone erlebt in der Unterwelt ihre Initiation, erfährt die Mysterien von Leben und Tod und kehrt zurück als Schwangere und gebiert an der Oberwelt das himmlische Kind.

Ishtar ist eine ohne Zweifel eine Muttergöttin, aber sie paßt nicht in das Schema, daß man sich von Müttern gerecht gelegt hat. Die Formel Mutterschaft=Unterordnung=Selbstaufgabe ist auf sie nicht anwendbar. Im Gegenteil, sie lebt das aus, was alle Mütter erfahren. Eine Frau, die Mutter geworden ist, erfährt eine starke Veränderung, einen Zuwachs an Kräften und Energien. Die Aufgabe, nun auch Verantwortung für ein anderes Leben zu tragen, mobilisiert den Überlebenswillen, macht sie zur Kriegerin. Es ist keineswegs widersprüchlich, daß Ishtar Muttergöttin ist und dennoch Kriege führt und tut, was ihr gefällt. Als Mutter darf sie nicht aufgeben, schon gar nicht sich selber.

Der Aspekt der weisen Alten

Dieser Aspekt ist bei ihr nicht sonderlich ausgeprägt, wie ja auch der Mutteraspekt sich anders präsentiert als bei anderen Muttergottheiten. Sie wirkt als Richterin und hat die Macht, Leben zu beenden. Auch auf dem Schlachtfeld wirkt sie bestimmend über Leben und Tod. Durch den Abstieg in die Unterwelt hat sie sich Zugang zur Welt der Toten verschafft und durch ihren Verbleib dort und ihre Rückkehr wurden Leben und Tod miteinander verbunden und voneinander durchdrungen. In der Totenwelt herrscht Ereshkigal, die oft als Ishtars Zwillingsschwester bezeichnet wird. Möglicherweise ist es eine Abspaltung von Ishtar, zu deren lebensbejahendem Image das Bild des Todes nicht so recht paßt. Dafür spricht auch, daß die Herrschaft über die Getreidevorräte, die Ereshkigal zugesprochen wird, in einer früheren Epoche bei Ishtar angesiedelt war.

Möglich ist, daß sie des Aspektes der weisen Alten beraubt wurde, da man ihr Hauptgewicht in der Vitalität und Lebensfreude sah, und entschied, daß andere Göttinnen diesen Aspekt deutlicher repräsentieren. Vielleicht auch wurde sie durch die spätere Vermännlichung der Kultur zu früh vom Sockel gestoßen und so um die Entwicklung zur weisen Alten gebracht.

Die Göttin und was von ihr blieb

Ishtar war einst die umfassendste Gottheit überhaupt. Viele Gottheiten sind in ihr aufgegangen, haben ihre Facetten auf sie übertragen. Über lange Zeiträume konnte sie sich behaupten und war unanfechtbar. Dann geschah es, daß diese gefürchtete Göttin vergewaltigt und zerschlagen wurde. Viele Aspekte wurde abgespalten. Die Gottheiten, die daraus entstanden, waren nur noch farblose Abklatsche, die dann auch verblaßten. Geblieben sind die Sagen des klassischen Altertums. Bestenfalls künden die Archetypen von ihrer Existenz. Aber es gibt noch Spuren dieser einzigartigen Göttin. Manchmal findet man sie an unerwarteter Stelle.

Astarte wird vor allem auch auf Münzen mit einer Taube abgebildet, der Taube der Weisheit. Diese Taube erfährt im Christentum - wo sie mit sieben Strahlen abgebildet wird - die Wandlung zum Heiligen Geist.

Das Motiv des Niedergangs in die Unterwelt, der Überwindung des Todes und der Auferstehung erfährt eine Neubelebung beim Mythos Demeter-Persephone-Hekate und wird im Christentum durch den Tod Christi und dessen Auferstehung aufgenommen. Das Leben, das Ishtar nach ihrem Aufstieg aus der Unterwelt der Welt wiederbringt, manifestiert sich bei Persephone als göttliches Kind, das diese in der Unterwelt empfangen hat und nach ihrer Wiederkehr zur Welt bringt. Die Wiederkehr des Lebens, die bei Ishtars Wiederkehr keine konkrete Gestalt hat, denn Ishtar repräsentiert das Leben an sich in seinen sämtlichen Ausprägungen und bezieht jeglich Lebensform mit ein. Im Christentum erfährt es durch die Auferstehung Christi einen Wandel zur Erlösung von den Sünden, damit ewiges Leben erreicht werden kann. Der Gottessohn kann aufgrund seines Geschlechts nicht die Fruchtbarkeit wiederherstellen, ihm bleibt die transzendentale geistige Ebene. Die sexuelle Komponente fehlt völlig, es geht nicht um Fruchtbarkeit und Vermehrung, sondern bezieht sich auf ein Leben nach dem Tode, also ein Leben auf einer anderen Ebene.

Die Taube, die zunächst das Tier der Astarte ist, wird zu einem Sinnbild der Astarte im Hellenistisch geprägten Judentum in der apokalyptischen und Weisheits-Literatur. Astarte mutiert zu Sophia, dem Sinnbild für Weisheit.

Sieht man nun im Heiligen Geist (Was ja durchaus auch für Weisheit/Sophia stehen könne) eine Form von Ishtar, machte die Dreieinigkeit tatsächlich Sinn. Ishtar = Heiliger Geist = Maria gebiert den Sohn Gottes wäre etwas völlig Normales als göttliche Familie.

Im Rahmen der Dreieinigkeit Gottes erfährt Ishtar/Astarte eine Zweiteilung. Auch hier wird sie ihrer Macht entkleidet, sie verliert ihre Stellung als Göttin, Himmelskönigin. Übrig bleibt als Essenz der Geist in seiner Heiligkeit, nun männlich besetzt, was sich durch die hellenistischen Einflüsse erklärt. Die Hellenen wenden sich den geistigen, philisophischen Disziplinen zu. Das weibliche verliert an Bedeutung.

Letztendlich ist aber nicht eindeutig, ob der Heilige Geist tatsächlich männlich besetzt ist. Aus dem Neuen Testament geht dies nicht eindeutig hervor, im christlichen Glauben wird er wohl überwiegend als neutral betrachtet. Sophia hingegen ist eindeutig weiblich.

Dennoch kann sich Sophia als weibliche Disziplin halten, nun aber nicht mehr göttlich, eher philosophisch. Übrig bleibt der Mensch Maria, greifbar und verständlich für die Menschen. Maria ist nicht die verführerische Frau, nicht die Selbstverständliche, Selbstbewußte. Sie ist die Demütige, Pflichterfüllende und behält damit ihre Würde. Sie erobert sich nach und nach den Platz als Himmelskönigin wieder und erscheint in Offenbarungen. Dargestellt wird sie bis in die heutige Zeit eingehüllt in einen blauen Mantel oder Umhang mit der typischen Armhaltung einer Frau, die ein Kind im Arm hält, sie wird als aufopfernde Mutter gesehen. Darstellungen dieser Art gibt es schon seit mehreren Tausend Jahren. Es sind Bildnisse, die Menschen von Fruchtbarkeits- und Liebesgöttinnen gestaltet haben.

Als Erinnerung geblieben an den Niedergang Ishtars in die Unterwelt oder zumindest damit in Verbindung gebracht wird der Tanz der sieben Schleier der Salome. Bei jedem der sieben Tore der Unterwelt legt Ishtar eine Insignie ihrer Würde ab. In der Überlieferung des neuen Testamentes wird lediglich erwähnt, daß die Frau des Herodes ihre Tochter zu diesem Tanz überredet haben soll, um so den Tod Johannes des Täufers in die Wege leiten zu können. Im Neuen Testament heißt es, Herodes habe Gefallen an diesem Tanz gehabt. Der Tanz wird nicht im einzelnen beschrieben. Kein Hinweis auf einen erotischen Tanz, ein Fruchtbarkeitsritual oder überhaupt eine Tradition. Dennoch wird er in Verbindung gebracht zu Ishtar.

Auch aus diesem Niedergang wird Ishtar wieder an die Oberfläche kommen, denn das ist letztlich ihre Stärke. Mit ihr wird das Leben wieder neu geordnet beginnen können. Wir alle werden aus dieser Lethargie herauskommen und neue Kräfte verspüren. Die selbstbewußten Frauen von Women's Liberation nehmen die Rolle der Ninshubur ein und bewegen den Weisheitsgott (Sophia?) dazu, Ishtar zu befreien.

Literaturhinweise und Referenzen:

Brinton Perera, Sylvia: "Der Weg zur Göttin der Tiefe"

Walker, Barbara G.: "Das Geheime Wissen der Frauen"
Zingsem, Vera: "Göttinnen großer Kulturen im Wandel der Zeit"
http://inanna.virtualave.net/ishtar.html
http://jajz-ed.org.il/german/festivls/purim/images/esther.gif
http://www.alice-dsl.net/birgit.kalusche/kaluscheb/html/salome.html

© 2002 Irene Heiser (Scarabäa). Erstveröffentlichung.
 
 

Inanna von Sumer


Die Große Himmelsherrin, die Gottgeweihte, die vom Hinmel kommt,
will ich grüßen, die Große Himmelsherrin, Inanna.
Das heilige Licht, das den Himmel erfüllt,
Inanna, die weithin wie die Sonne leuchtet…
Wenn Sie in ihrer Hoheit, ihrer Größe, ihrer Heldenkraft, ihrer Stärke
Am Abend leuchtend aufgeht, wenn Sie den Himmel mit reinem Licht erfüllt,
wenn sie wie Mond und Sonne an den Himmel tritt,
kennen Sie alle Länder von Süden bis Norden…“
(Sumerischer Text, zitiert nach Lucius Merlin: Begegnung mit der Göttin, 2004, S.82)





Vorbemerkung:
Inanna von Sumer, später auch als Ischtar, Astarte, Ashera u.ä. im Nahen Osten verehrt.
Sumer ist ein Teil des Zweistromlandes Mesopotamien, heute Irak.
Die in dieser Gegend auf einander folgenden Kulturen von Sumer, Assyrien, Babylonien waren Hochkulturen, die uns eine riesige Zahl von Keilschrifttexten hinterlassen haben, die bis heute erst teilweise  übersetzt sind und sicher noch nicht einmal alle ausgegraben sind.
Die sumerischen Texte von Inanna werden auf ca. 2000  v.u.Z. datiert, sie sind also viel älter als  Aufzeichnungen der uns bekannteren Zivilisationen der Griechen und Römer.
 

Der Inanna-Mythos

Teil I:  Inannas Initiation als Große Göttin
Am Ufer des Euphrat wuchs der Weltenbaum, er wird vom Südwind entwurzelt und schwimmt davon.
Die junge Inanna zieht ihn aus dem Wasser und pflanzt ihn in ihrem Garten ein. Dabei überlegt sie, wie lange es wohl dauern wird, bis sie sich aus seinem Holz ihren Thron und ihr Bett schnitzen lassen kann. – Hier plant ein ganz junges Mädchen selbstbewusst seine Karriere!
Später lässt sie sich von ihrem Bruder wirklich Thron und Bett aus dem Holz des Baumes bauen. – Die Frau weiß sich zu helfen und kann andere überzeugen!
Inanna freut sich ihres heranreifenden Körpers. Sie besucht Enki, den alten Gott der Weisheit, der verspricht ihr die Göttinschaft und die Herrschaft über Sumer, die Erkenntnis der Wahrheit und der Gesetze der Welt und vieles mehr. – Inanna ist nicht zu bescheiden, die Geschenke anzunehmen. Die jungfräuliche Göttin hat Enki nicht verführt, nein, sie hat ihn unter den Tisch getrunken und während er noch seinen Rausch kuriert, verschwindet sie mit ihren Geschenken Richtung Sumer.

Teil II:  Inanna und Dumuzi
Inanna sieht sich unter den Männern des Landes um, berät sich mit Mitgliedern ihrer Familie und gibt der Werbung Dumuzis, des Schafhirten, nach.
„Große Herrin, Dein Diener wird Deine Vulva pflügen. Ich, Dumuzi, werde Deine Vulva pflügen.“ „Dann pflüge meine Vulva, Mann meines Herzens, pflüge meine Vulva!“ – Ja, sie liebt ihn, sie begehrt ihn, sie genießt ihren Honeymoon,  aber  sie gibt ihre Macht deshalb nicht ab. Dumuzi wird ihr Prinzgemahl und sitzt neben ihr auf dem Thron. - Zwei Söhne  haben sie.

Teil III:  Inannas Abstieg in die Unterwelt
Himmel und Erde werden von dem Paar erfolgreich regiert und die Aufmerksamkeit Inannas wendet sich dem unteren Reich zu, wo ihre dunkle Schwester herrscht. Sie beschließt sie zu besuchen und kleidet sich in alle Insignien ihrer Macht. – Selbstüberschätzung? Nein, Inanna weiß, was sie vor hat,  ist gefährlich und sie weiß auch, wem sie trauen kann: sie lässt sich von ihrer Freundin Ninschubur covern; wenn sich Inanna nach 3 Tagen nicht zurückgemeldet hat, soll Ninschubur eine Rettungsaktionen einleiten.
Dann bricht sie auf, allein. An 7 Toren muss sie alle Zeichen ihrer Macht abgeben bis sie nackt vor Ereschkigal, der Göttin des Todes und der Wiedergeburt, steht und unter ihrem Blick stirbt. Ihr Leichnam wird im Totenreich aufgehängt.
Nimschubur leitet die verabredete Rettungsaktion ein. Enki, der Weisheitsgott, dem die junge Inanna mal die Gesetze der Weisheit abgenommen hatte, rückt sein Wasser des Lebens heraus und schickt damit 2 Fliegen als Unterhändler zu Ereschkigal. Sie erwirken die Freigabe des Leichnams und erwecken ihn mit Enkis Wasser.

Teil IV: Inannas Rückkehr
Die Himmelskönigin beginnt den Aufstieg, muss aber noch mit den Todesdämonen verhandeln, die Ersatz fordern, wenn sie das Totenreich verlässt.
Inanna blickt sich auf der Erde um, wen sie stellvertretend ins Totenreich schicken soll. Ihre Söhne und alle anderen findet sie in tiefer Trauer um die Himmelskönigin, nur einer trauert nicht sondern geht seinen königlichen Amtsgeschäften nach als wäre nichts geschehen: Dumuzi! Ihn wird sie also in die Unterwelt schicken.
Er flieht in die Steppe, versteckt sich.
Sie trauert und weint um den Geliebten, der sie enttäuscht hat, sie verzehrt sich nach ihm und bleibt doch klar: er muss in die Unterwelt.
Erst als sie die große Trauer ihrer Schwägerin, Dumuzis Schwester, sieht,  lässt sie sich erweichen und erlaubt, dass Dumuzi und seine Schwester sich künftig in der Unterwelt abwechseln, jeder muss künftig immer für ein halbes Jahr hinuntergehen.
 

Inanna regiert Himmel und Erde, die Beziehungen zum Totenreich sind auskömmlich gestaltet, der Kreis des Jahres ist als Kosmische Ordnung etabliert; Leben geht in Sterben über und Tod führt zu neuem Leben.  Jedes Jahr, wenn  Dumuzi aus der Unterwelt heraufsteigt zu seinem Thron an der Seite seiner Frau, wird in den Tempeln von Sumer die Heilige Hochzeit gefeiert.
 

Historisches
Die Himmelsherrin Inanna von Sumer, Göttin der Fruchtbarkeit, der Ernte, der Liebe und des Krieges wird  durch den Abendstern und den Morgenstern symbolisiert, oft auch durch die Mondsichel. Außerdem gehört ihr der achteckige Stern, den es so am Himmel nicht gibt. Auf ihren Bildern hat sie oft den Fuß auf einen liegenden Löwen gesetzt, sie trägt die Gehörnte Krone, hält Trauben und Büschel voll Datteln in der Hand, manchmal auch ein Zepter.

Die Gesellschaft von Sumer und die darauf folgenden waren kein Matriarchat,; Männer und Frauen waren, so weit wir wissen, nicht gleichgestellt, aber die Frauen hatten beträchtliche Rechte.  In der Mythologie  blieb das alte Wissen davon, was Frauen vermögen und wie unterschiedlich der männliche und weibliche Zugang zur Spiritualität  sich gestaltet, in seiner ganzen Fülle erhalten und  wurde auch nicht von einer männlichen Priesterschaft dämonisiert.
 

„Hail to Inanna, the sky-torch, the pure one.
Hail to Heaven´s noble one, crowned with the great horns.
Hail to the Moon´s oldest daughter, heaven´s great queen.
I sing of her greatness, her beauty, her nobility,
I sing of her brilliance in the evening sky.
I sing of her rising, to shine down on all lands.”

(Patricia Monaghan:The Goddess Companion,  Daily Meditations on the Femine Spirit, St. Paul, Minnesota, 2000, S. 358)

Bibliografie:
Wer Inanna sehen will,
gehe auf  die Website der Göttin: www.inanna.de

Wer über sie lesen will, nehme
Heide Göttner-Abendroth: Inanna – Gilgamesch – Isis – Rhea. Die großen Göttinnenmythen Sumers, Ägyptens und Griechenlands, neu erzählt von H. Göttner-Abendroth, 2004

oder ein Buch, das leider nur noch antiquarisch erhältlich ist:
Diana Wolkenstein and Samual Noah Kramer: Inanna, Queen of Heaven and Earth,
New York, 1983

wer eine tiefenpsychologische Interpretation des Mythos sucht, nehme
Sylvia Brinton Perera: Der Weg zur Göttin der Tiefe, 1985.
 
 

©Gisela Kranz, 27. November 2005



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